Wenn die Medizin ihre Seele verliert

Die Schweiz steht vor einem tiefgreifenden Wandel im Gesundheitswesen.

Alte Strukturen brechen auf, neue Versorgungsmodelle entstehen. Politik und Krankenkassen sprechen von “Teamarbeit”, “Effizienz” und “zentralen Versorgungszentren”.

Doch hinter den Schlagworten verbirgt sich eine Realität, die für viele Patientinnen und Patienten alles andere als positiv ist.

In grossen Praxisgruppen und Zentren erleben wir heute schon, wie die persönliche Bindung verloren geht. Patientinnen und Patienten werden nicht mehr von einer vertrauten Ärztin oder einem vertrauten Arzt begleitet, sondern “demjenigen zugeteilt, der gerade Zeit hat”. Statt Vertrauen und Kontinuität entsteht das Gefühl, nur eine Nummer im System zu sein. Viele Patientinnen und Patienten berichten, dass sie sich nicht mehr wahrgenommen fühlen und suchen sich wieder kleinere Praxen, wo sie einen festen Ansprechpartner finden.

Wir führen selbst eine Hausarztpraxis mit fünf Ärztinnen und Ärzten. Trotz unserer Grösse haben wir es geschafft, persönliche Strukturen zu erhalten: Jede Patientin und jeder Patient weiss, an wen er sich wenden kann. Wir arbeiten von frühmorgens bis in den Abend hinein, nicht getrieben von Zeittakten oder Teilzeitlogiken, sondern getragen von der Überzeugung, für unsere Patientinnen und Patienten da zu sein.

Was wir aber um uns herum sehen, stimmt uns nachdenklich.

Wenn wir diesen Weg weitergehen, droht die Medizin ihre Seele zu verlieren.

Grosse Arztketten, Investorenmodelle und medizinische Zentren, in denen die Zeit gestoppt wird und die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Strukturen, die nach Effizienz klingen, führen in der Realität oft zu Frustration, sowohl auf Seiten der Patientinnen und Patienten als auch bei den Ärztinnen und Ärzten, die sich zunehmends entfremdet fühlen.

Die Erfahrung zeigt: Das viel gepriesene “Hand-in-Hand-Arbeiten im Team” funktioniert in der Praxis häufig nicht so, wie es in Konzeptpaieren klingt. Es führt vielmehr zu einer Atosphäre, die viele nur aus dem Krankenhaus kennen: distanziert, unpersönlich, von wechselnden Zuständigkeiten geprägt.

Das was die Medizin im Kern ausmacht, ist nicht nur die richtige Diagnose oder eine effiziente Organisation. Es ist die persönliche Beziehung, das Vertrauen, die Gewissheit, dass jemand da ist, der mich kennt, meine Geschichte versteht und mich begleitet.

Die grosse Herausforderung für die kommenden Jahre wird sein, das Gesundheitswesen zu modernisieren, ohne diese Menschlichkeit preiszugeben. Gelingt das nicht, werden wir zwar Strukturen schaffen - aber eine Medizin, in der sich die Menschen nicht mehr zu hause fühlen.